«Die E-Mobilität ist weder für den Garagisten noch für uns von Vorteil»

27. Juli 2017 agvs-upsa.ch - Zulieferer und Garagisten sitzen im selben Boot, sagt Christoph Kissling: Zusammen stehe man vor enormen Herausforderungen. Der CEO der Rhiag Group Ltd., seit einem Jahr im Amt, kämpft für die Margen seiner Kunden und gegen Billiganbieter aus dem Ausland. Und er sagt, warum seine Firma trotz Kurzmesse nicht mehr nach Genf zurückkehren wird.



kro. Herr Kissling, Sie sind seit einem Jahr im Amt. Welches waren in dieser Zeit Ihre wichtigsten Aufgaben? Was hatte Priorität?
Christoph Kissling: Einen von vielen Schwerpunkten bildete der Ausbau und die Vertiefung meiner Kontakte mit unseren Lieferanten. In unserem Geschäft geht es nicht nur um das Verkaufen; der Einkauf zu Preisen, von denen unsere Kunden direkt profitieren können und auf die sie eine gute Marge haben, ist genauso wichtig. In dieser Sache war ich in den vergangenen zwölf Monaten viel unterwegs.
 
Sie kannten die Firma ja schon sehr gut, weil Sie vorher 16 Jahre lang in verschiedenen Positionen für die Rhiag Group Ltd. Schweiz gearbeitet hatten. Ist das rückblickend eher ein Vorteil oder besteht die ­Gefahr, dass man nach so langer Zeit etwas ­«betriebsblind» wird?
Das ist ganz klar ein Vorteil. Einerseits hatte ich in dieser Zeit Einblick in praktisch alle Abteilungen; ich kenne die Prozesse und – vor allem – die Mitarbeitenden. Anderseits kennen sie mich. Damit bestand von Beginn meiner neuen Tätigkeit an ein Vertrauensverhältnis, auf dem wir weiter aufbauen können. Diese Basis hätte jemandem, der von aussen kommt, komplett gefehlt. So etwas können Sie nicht kompensieren.
 
Im Zusammenhang mit der Bekanntgabe, dass Sie das Amt des langjährigen CEO André Sauteur übernehmen, sagten Sie, die Rhiag müsse den Mut haben, Neues zu wagen. Was hat Ihre Firma seit Ihrem ­Amtsantritt Neues gewagt?

Neues zu wagen, einfach, damit man Neues gewagt hat, entspricht weder unserer Firmenphilosophie noch meiner persönlichen. Wir arbeiten intern an interessanten Projekten, über die wir kommunizieren, wenn der Moment da ist. Aber als Beispiel können Sie unsere Hausmesse in Langenthal nehmen, die wir kurz nach meiner Amtsübernahme mit grossem Erfolg durchgeführt und an der wir vorher einige Zeit gearbeitet haben. Wir waren damit die Ersten überhaupt.
 
Jetzt steht bereits die zweite Auflage der Hausmesse an. Wie laufen die Vorbereitungsarbeiten?
Ich will nicht übertreiben, aber es läuft sensationell. Wir haben schon jetzt mehr Anmeldungen als im vergangenen Jahr. Darunter der grösste Teil all jener Aussteller, die schon 2016 dabei waren. Die würden das nicht machen, wenn es sich nicht auch für sie gelohnt hätte.


Impressionen von der ersten Rhiag-Hausmesse 2016. In diesem Jahr findet die Messe am 30. September und 1. Oktober in der Markthalle Langenthal statt.

Findet die Rhiag-Hausmesse wieder wie letztes Jahr in der Markthalle in Langenthal statt – oder müssen Sie aufgrund von Platzproblemen bereits umziehen?
Wir erwarten am 30. September und am 1. Oktober über 2000 Besucher, letztes Jahr waren es etwas über 1000. Es wird also etwas eng. Trotzdem halten wir am Standort Langenthal fest, so lange es geht. Die Lokalität der Markthalle verschafft dem Anlass eine einzigartige Atmosphäre.
 
Mit sehr grossem Interesse wurde in der Branche Ihre Absicht zur Kenntnis genommen, «auf keinen Fall» nach Genf in die Halle 7 zurückzukehren. Hat die Kurzversion der Fachmesse, wie sie dieses Jahr erstmals möglich war, Einfluss darauf, dass Sie auf Ihren Entscheid zurückkommen?
Ganz klar nein. An unserer Haltung hat sich nichts verändert. Unser Modell der Hausmesse hat klar gezeigt: Wir haben in Langenthal mehr Besucher, mehr Umsatz, zufriedenere Gäste, weniger Aufwand und erst noch mehr Platz für unsere Aussteller. Und das in einer deutlich kürzeren Zeit als selbst die Kurzversion der Fachmesse in Genf.
 
Wie beurteilen Sie die aktuelle Marktsituation in der Zulieferbranche? Welche Trends verfolgen Sie besonders aufmerksam?
Was uns zunehmend Sorgen bereitet, ist die Billig-Strategie ausländischer Anbieter, die sich über das Internet zunehmend direkt an den Endkunden wenden. Das ist weder für den Garagisten als unseren Kunden noch für uns selbst gut, weil wir damit beide an wichtigem Umsatz verlieren. Wir behalten das aufmerksam im Auge – übrigens genauso wie die Entwicklung bei den alternativen Antrieben, namentlich im Bereich der Elektroantriebe.
 
Gerade die Elektromobilität wird aktuell von allen Seiten gefördert, auch von den Importeuren…
…weil sie sich Sorgen machen, wie sie sonst die CO2-Grenzwerte über die gesamte Flotte einhalten können. Aus diesem Blickwinkel kann ich das verstehen. Allerdings nur aus diesem. Für die Garagisten und damit auch für uns ist diese Entwicklung nicht gut, weil Elektrofahrzeuge deutlich wartungsärmer sind als herkömmliche Fahrzeuge.
 
Das ist nur eine der Herausforderungen, mit denen sich der Garagist künftig konfrontiert sieht. Wo sehen Sie noch weitere?
Die unglaubliche Dynamik der tech­nischen Entwicklung, namentlich im Bereich der Digitalisierung, wird für unsere ganze Branche zu einem Prüfstein. Sich heute auf eine Zukunft vorzubereiten, von der wir grösstenteils noch nicht einmal wissen, wie sie aussieht, braucht Mut. Den wünsche ich uns allen. Auch hier sitzen wir mit den Garagisten im selben Boot und unterstützen sie, wie und wo immer wir können. Namentlich im Bereich Produkteschulung leisten wir schon heute unseren Beitrag, damit der Garagist zusätzliche Sicherheit gewinnt.
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