Es ist wichtig, auf sich ändernde Wünsche zu reagieren



30. Juli 2018 agvs-upsa.ch – Dass die Hersteller dazu übergehen, Automobilität auf Basis eines fixen monatlichen Betrags zu verkaufen, war eine Frage der Zeit. In Deutschland laufen bereits entsprechende Versuche. Was sind mögliche Konsequenzen für den Garagisten?

kro. Wie stark ändern sich die Gewohnheiten und Bedürfnisse im Zeitalter der rasant voranschreitenden Digitalisierung? Wie stark hängen sie mit der Entwicklung der Technik zusammen? Überlegungen, die sich am Beispiel der Unterhaltungsindustrie illustrieren lassen: Platten wurden zu CDs, Videokassetten zu DVDs – alles wurde gekauft. Heute? Streamingdienste wie Spotify für Musik oder Netflix für Filme haben die Unterhaltungsindustrie auf den Kopf gestellt. Der Selbsttest: Wann waren Sie das letzte Mal in einem Plattenladen oder gar in einer Videothek (falls Sie überhaupt noch eine finden)? Ihre Kinder werden das mit Sicherheit nicht mehr tun.

Eigentum Auto als Kollektivbesitz?
Weshalb soll das mit anderen Nutzungsgewohnheiten nicht auch so sein? In den 1950er- und 60er-Jahren war das eigene Auto etwas, auf das man stolz war. Es war ein Statussymbol und ein Ausweis dafür, sich einen gewissen Grad an Luxus leisten zu können. Sprung in die Zukunft: Sein Fahrzeug mit unbekannten Menschen teilen? Ein absurder Gedanke... Fakt ist: Menschen fragen sich heute – vor allem in der Nähe von urbanen Zentren – immer häufiger, weshalb sie ein eigenes Auto in der Garage stehen haben, das Kapital bindet und 90 Prozent der Zeit ungenutzt herumsteht. Die Zahlen einer repräsentativen Umfrage des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Bratzel * vom Februar dieses Jahres sprechen für Deutschland eine deutliche Sprache: Während für 73 Prozent der Bevölkerung ein privater Personenwagen sehr wichtig oder wichtig ist, ist er das nur noch für 36 Prozent der jüngeren Stadtbewohner.

Sicherheit, Komfort, Effizienz
Allein auf dieser Basis zeichnen sich zwei klare Trends ab: Zum einen sind inzwischen knapp zwei Drittel einer jüngeren städtischen Bevölkerung offen für neue Mobilitätsformen. Zum anderen: Wir werden künftig eine Mobilitätsentwicklung von zwei «Geschwindigkeiten» haben – eine dynamische in den Ballungszentren und eine langsamere auf dem Land. Die am häufigsten genannten Bedürfnisse der täglichen Mobilität sind Sicherheit (88 Prozent), Unabhängigkeit und zeitliche Flexibilität (für 86 Prozent sehr wichtig oder wichtig), niedrige Kosten (85 Prozent) und Zeitersparnis (80 Prozent). Die früher so relevante «Privatsphäre» hat mit 74 Prozent zwar nach wie vor eine hohe Zustimmung, steht gegenüber anderen Aspekten bereits in der zweiten Reihe, genauso übrigens wie «klima- und umweltschonende Mobilität» (65 Prozent).

Erste Lösungen haben noch immer «halbalternativen Charakter»
Ein Grossteil dieser Aspekte wurde bisher mit dem privaten Fahrzeug abgedeckt. Gelingt es der Industrie, bald mit angepassten Mobilitätsmodellen einen grossen Teil davon auf eine andere Art abzudecken? Für Forscher ist es nur eine Frage der Zeit, bis das heutige Eigentumssystem kippt. Auf das sich veränderte Mobilitätsverhalten hat die Industrie bereits zwei Antworten: Mobility und Sharoo. Anbieter wie Mobility ermöglichen Mobilität dann, wann man sie braucht. Das System hat nach wie vor einen «halbalternativen» Charakter. Sharoo ermöglicht es hingegen, die Standzeiten des eigenen Fahrzeugs zu verkürzen. Wie? Man stellt sein Auto anderen zur Verfügung. Den grossen Durchbruch ist beiden Systemen bisher nicht gelungen.

Flexible Mobilität geht ins Rennen
Spätestens das Beispiel Uber hat der Automobilindustrie jedoch drastisch vor Augen geführt, wie schnell sich branchenfremde Anbieter mit einem ausgeklügelten System breitmachen können. Seither arbeitet sie unter Hochdruck daran, im Fahrersitz der Entwicklung zu bleiben. Und hier stehen Geschäftsmodelle im Vordergrund, bei denen nicht mehr primär der Besitz von Automobilen im Mittelpunkt steht, sondern die Nutzung von Automobilität.
 
Gleichzeitig geht es darum, Mobilität als ein Abonnement zu verkaufen, das den Nutzern die Möglichkeit gibt, verschiedene Fahrzeuge zu verschiedenen Zeiten zu nutzen: den Kombi unter der Woche, das Cabriolet am Wochenende und das SUV durch den Winter.
 
In Deutschland haben die Hersteller begonnen, sich in Position zu bringen. Nach Cadillac, Porsche und Volvo lanciert nun auch Mercedes-Benz ein Autoabonnement. «Mit ‹Mercedes me Flexperience› gehen wir einen weiteren entscheidenden Schritt in Richtung Mobilität der Zukunft», sagte Britta Seeger, im Daimler-Vorstand verantwortlich für den Mercedes-Vertrieb, gegenüber dem Fachmagazin «Autohaus». Das neue Angebot sei voll digitalisiert und solle neue Kundensegmente an die Premiummarke heranführen. Der Hersteller ist vor wenigen Wochen mit zwei deutschen Grossbetrieben in die Pilotphase gestartet.

Wie bringen sich Garagisten ins Rennen?
«Die grosse Herausforderung für den Garagisten wird es sein, seine Rolle in diesem Verkehrsökosystem zu finden», sagt Markus Aegerter. Das AGVS-Geschäftsleitungsmitglied beobachtet die Entwicklungen genau und entwickelt mit einer Arbeitsgruppe unter anderem digitale Dienstleistungen zugunsten des einzelnen AGVS-Mitglieds.
  
Fortsetzung folgt!
Lesen Sie morgen an dieser Stelle was Markus Hesse, Geschäftsführer der Emil Frey AG Ebikon-Luzern und AGVS-Zentralvorstand, zu den Entwicklungen rund um eine Mobilitätsflatrate sagt.
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